16-10-2018

Dienstag 16. Oktober 2018 18.30 Uhr — Raum 120, Mittelstrasse 43, 3012 Bern

Moritz Keller (Salzburg)
Harmonie und Zwietracht - Drucke mit mehrstimmiger Musik im Kontext des Schmalkaldischen Kriegs

SMG Sektion Bern

In den vergangenen Jahren hat sich die musikwissenschaftliche Forschung verstärkt mit gedruckten Anthologien mit mehr- stimmiger Musik beschäftigt, die im deutschen Sprachraum in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erschienen sind. Umfangreiche Drucke, wie der Liber selectarum cantionum oder die Lieder- und Motettensammlungen von Schöffer, Petreius und anderen werden in der aktuellen Forschung als Meilensteine für die Entwicklung des Notendrucks im deutschsprachigen Raum beschrieben. Kürzere Drucke mit mehrstimmiger Musik, die sich einem bestimmten Ereignis oder einer bestimmten Person widmen, fristen dagegen in der Forschung noch immer ein Nischendasein. Alleine aus der Zeit zwischen 1545 und 1550 ist eine beträchtliche Anzahl solcher Publikationen überliefert. Die meisten enthalten nur eine einzelne Komposition, die sich einem besonderen Ereignis, einer Familie, Dynastie oder einer einzelnen Person zuordnen lässt. Alleine drei dieser Drucke sind in der Wittenberger Offizin Georg Rhaus erschienen, einer war der musikwissenschaftlichen Forschung bislang unbekannt.
Dieser Vortrag beschäftigt sich mit der Rolle gedruckter Gelegenheitskompositionen im Gesamtkontext des Musikdrucks im deutschsprachigen Raum. Im Fokus stehen dabei die Städte Augsburg und Wittenberg in der Zeit zwischen 1545 und 1550. Es soll gezeigt werden, dass Drucke mit mehrstimmiger Musik ein zentrales Element im Kontext der Reformationskon ikte waren, die in den Jahren 1546 und 1547 im Schmalkaldischen Krieg gipfelten, und das politische Propaganda keineswegs auf Flugblattdrucke beschränkt war. Sie erfasste – im Gegenteil – das Zentrum des professionellen Musiklebens.

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